Wie begünstigen Arbeitskulturen Machtmissbrauch?
Diese Nachricht erscheint im Newsletter der BUA im März 2025.
Machtmissbrauch ist keine Seltenheit im Wissenschaftssystem. So geben 23,6 % der Befragten des BSS an, bereits mindestens einmal Machtmissbrauch erlebt zu haben. Aber wie können Arbeitskulturen so gestalten werden, dass Machtmissbrauch nicht aufkommt? Im BSS wurden dazu einige Hinweise gegeben: es sind vor allem die kooperativen Arbeitskulturen, die hier ein positives, machtmissbrauchsfreies Umfeld schaffen!
Wünschenswerterweise sind Forschungs- und Arbeitskulturen so gestaltet, dass sie positive Outcomes, wie Forschungsqualität und Innovativität befördern und die Wahrscheinlichkeit negativer Outcomes möglichst minimieren. Als eine sehr extreme negative Auswirkung schlechter Arbeitskultur sind Vorfälle von Diskriminierung und Machtmissbrauch aufzufassen. Im Berlin Science Survey wurde daher auch nach Erfahrungen mit Diskriminierung und Machtmissbrauch gefragt. Die Ergebnisse zu Diskriminierung wurden bereits im Newsletter der BUA im Juni 2024 beleuchtet. Die Fragen zu Machtmissbrauch sind sehr ähnlich beantwortet worden.
Machtmissbrauch wurde im BSS folgendermaßen definiert: „Machtmissbrauch bedeutet, dass eine Person durch das Ausnutzen ihrer Machtposition anderen schadet und sich selbst oder Günstlingen einen Vorteil verschafft.“ Danach haben 4 % Machtmissbrauch regelmäßig selbst erlebt, knapp 7 % haben es regelmäßig beobachtet (siehe Abbildung 1). 18 % haben Machtmissbrauch mehrmals beobachtet und 9,6 % mehrmals erlebt. Einmalig erlebt haben es immerhin noch 10 % und einmalig beobachtet 14 % (siehe Abbildung 1).
Abbildung 1 Machtmissbrauch am Arbeitsplatz
Abbildung 2 Machtmissbrauch am Arbeitsplatz, nach Diversitätsmerkmalen
Das Risiko Machtmissbrauch zu erleben ist für bestimmte Personengruppen höher (siehe Abbildung 2). So ist es für diverse Personen (48 %), sowie Personen mit einer langanhaltenden physischen (35 %) oder psychischen (40 %) Erkrankung besonders groß (siehe Abbildung 2). Auch Frauen (29 %), Personen die ethnischen (29 %) oder religiösen Minderheiten (32 %) angehören, sowie solche, die sich zur LGBTIQ+ zählen (30 %), berichten häufiger von Machtmissbrauch als der Gesamtdurchschnitt (siehe Abbildung 2).
Es fragt sich nun, wie diese Machtstrukturen aufgebrochen werden können und welchen Umfelds es bedarf, um machtmissbrauchsfreie Umgebungen zu schaffen. Anhaltspunkte dafür liefert Abbildung 3. Hier sieht man sehr gut, dass die Arbeitskulturen in einem engen Zusammenhang stehen zu dem Vorkommen von Diskriminierung und Machtmissbrauch. So zeigen sich Diskriminierung und Machtmissbrauch vorrangig in den Arbeitskulturen, in denen Kooperation sehr gering und gleichzeitig Wettbewerb sehr stark ausgeprägt ist. So hat hier knapp die Hälfte der Befragten schon Diskriminierung und Machtmissbrauch erlebt und ca. 65 % beobachtet (siehe Abbildung 3).
Ganz anders sieht es in Arbeitskulturen aus, die von hoher Kooperation bei nicht gleichzeitig induziertem Leistungswettbewerb geprägt sind. Hier ist der Anteil derjenigen, die Diskriminierung bzw. Machtmissbrauch beobachtet (32% bzw. 30%) und derjenigen, die derartige Verhaltensweisen selbst erlebt haben (nur ca. 15 %) deutlich geringer. Die Zahlen steigen leicht, wenn in Arbeitskulturen mit hoher Kooperation gleichzeitig ein leistungsbezogener Wettbewerb implementiert ist (siehe Abbildung 3).
Abbildung 3 Diskriminierung und Machtmissbrauch im Arbeitsumfeld, nach Arbeitskulturen
Als Fazit lässt sich Folgendes festhalten: Um das Risiko von Machtmissbrauch und Diskriminierung zu minimieren und gleichzeitig die bestehende Qualitätsorientierung hochzuhalten, ist es wichtig, im Rahmen des Qualitätsmanagements, nicht nur auf den Output zu schauen, sondern auch auf die Arbeitskulturen, in denen der Output erzeugt wird. Kooperative Arbeitskulturen mit offener Kommunikations- und positiver Fehlerkultur, bei gleichzeitig reduziertem Wettbewerb sind am wenigsten anfällig für diese Risiken. Sie sind somit die nachhaltigeren Arbeitskulturen in der Wissenschaft.
Daten des Berlin Science Surveys
Die Daten des BSS der Welle 2024 stehen als Scientific Use File auf dem Open-Access-Publikationsserver der HU zum Download bereit: https://doi.org/10.18452/32547
Der Berlin Science Survey
Der Berlin Science Survey (BSS) ist eine wissenschaftliche Trendstudie zum kulturellen Wandel in der Berliner Forschungslandschaft. Hierfür erfragt das Robert K. Merton Zentrum für Wissenschaftsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin in regelmäßigen Abständen online die Erfahrungen und Einschätzungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Berliner Forschungsraum. An der jüngsten Studie haben 2.776 Wissenschaftlerinnen des Berliner Forschungsraums teilgenommen. Wir möchten uns herzlich bei allen bedanken, die an der Studie teilgenommen haben. Der umfangreiche Bericht mit allen Themen der Befragung findet sich hier: https://www.berlinsciencesurvey.de/de/ergebnisse2024